Landungsboote

„Überall wo sich die Brandung an der Küste schäumend bricht, tun deutsche Landungsboote für die Freiheit ihre Pflicht.

Ja, sie wachen für den Frieden, für die Freiheit in dem Land.

Kämpfend steh`n die Landungsboote mit der Truppe Hand in Hand.“

Laut tönte das Lied durch den Raum, intoniert von mehr oder weniger angenehmen Jungmännerstimmen. Ich drehte den Kopf. Hinter mir, an einem langen Tisch saß eine Gruppe von Männern in olivgrün. Ihre roten Barette schauten unter den Schulterklappen hervor. Ich wandte mich meinem Nebenmann zu, der wie zu erwarten war, blaue Hose und weiße Matrosenbluse trug, denn ich befand mich in der Kantine der Marinekaserne in Wilhelmshaven. Ich legte dort meine dreitägige Eignungsprüfung ab.

„Was sind denn das für welche? Und wieso olivgrün?“

Er winkte ab. „Das sind die 76er. Die halten sich für die Elite der Marine …“

„76er?“

„Ja, Fachrichtung 76. Jede Fachrichtung hat eine Nummer. Ich gehöre zur Fachrichtung 11. Das ist seemännischer Dienst. 76 ist die Küstensicherung. Ist eine Landeinheit.“

„Und das Lied?“

„Das ist das Lied der Landungsboote. Die 76er machen wohl Anlandungsübungen an Stränden mit den Dingern, deshalb das Lied.“

Die Melodie gefiel mir ganz gut, der Text nicht so ganz. Aber man kann nicht alles haben. Das hatte ich heute Morgen schon mal gedacht. Nämlich als man mir mitteilte, dass ich, da ich nicht gegen Pocken geimpft war, nicht borddienstverwendungsfähig war. Ich hatte mich zur Marine gemeldet um meinen Wehrdienst auf irgendeinem Schiff abzuleisten. Ich wollte aufs Wasser. Erschien mir attraktiver als irgendwo als Schütze Arsch im Gelände rumzurobben. Aber der Traum, an Bord eines Schiffes, die Welt zu erkunden, war ausgeträumt.

Tja, sah ja so aus, als hätte ich einen Kompromiss gefunden.

Denn hier schien sich nun mit den Landungsbooten eine Möglichkeit zu ergeben, doch aufs Wasser zu kommen. Wahrscheinlich nur in Küstennähe, aber besser als nichts.

Am nächsten Tag, es war der letzte Tag der Eignungsprüfung, teilte ich dem Verantwortlichen mit, dass ich gern zu den Landungsbooten wollte. Er lachte und sagte: „Sie meinen die Küstensicherung, die 76er.“

„Ja, die meine ich.“

„Gut. Wie ich aus Ihren Unterlagen sehe, geht diese Einheit für Sie in Ordnung. Ich vermerke das. Sie werden dann zu der Truppe einberufen werden. Der Bescheid geht Ihnen zu.“ Ich freute mich riesig. Hatte doch noch ganz gut geklappt. Beruhigt fuhr ich nach Marburg zurück.

„Reise, Reise, Aufstehen!“ Dann folgte der gellende Pfiff der Bootsmannsmaatenpfeife. Jetzt war es aber kurz vor voll! Nichts wie raus aus der Koje!

Vor fünf Minuten war schon „gelockt“ worden. „Locken“ war das leise Pfeifen mit der Signalpfeife und immer demselben Singsang „Eine Hand am Sack, eine am Socken. Seemann schlaf weiter, das war nur das Locken!“

Seemann war gut. Ich war jetzt schon drei Wochen bei der Bundesmarine, hatte aber noch kein Salzwasser gesehen. War auch nicht vorgesehen, gehörte ich doch zu dieser Landeinheit zu der ich mich selbst gemeldet hatte.

Zurzeit befand ich mich an der Marineunteroffizierschule in Plön, um hier die Grundausbildung abzuleisten. Danach sollte noch der Fachlehrgang 1 folgen und irgendwann der normale Dienst.

Doch erst mal war ich selbst nur ein sogenannter „Rotarsch“ und hatte nicht viel zu melden. Das wurde mir auch diesen Morgen wieder klar, als ich noch vor dem Backen und Banken, also vor dem Frühstück, meine Reinschiffstation auf dem Schwarzen Deck bezog. Als man mir vor zwei Wochen diese Station zuwies, war ich von den Bezeichnungen im Marinejargon total begeistert. Leider stellte sich heraus, dass das Schwarze Deck der Keller des Kasernenblocks war und die Reinschiffstation selbst die dort befindlichen Toiletten, die ich zu reinigen hatte. Das machte aber sehr gut meinen Stellenwert in der deutschen Bundesmarine klar.

Auch mein Traum vom Dienst auf einem Landungsboot war schnell ausgeträumt gewesen. Schon am ersten Tag hatte mir unser Zugführer Bootsmann Becker auf meine Frage nach den Landungsbooten lachend mittgeteilt, dass diese schon längst außer Dienst gestellt seien, da die heutige Bundeswehr nur defensive Aufgaben hätte, Landungsboote aber offensiven Zwecken dienten. Was denn mit dem Lied der Landungsboote sei, fragte ich daraufhin. Da diese vor Jahren zur Küstensicherung gehört hatten, hätte man das Lied eben übernommen. Ich wäre nicht der Erste, der sich durch das Lied hereingelegt fühlte, wenn er seinen Dienst bei der Küstensicherung antrat. Er lachte wieder.

Und danach waren wir ins Gelände gezogen, wie wir das seitdem fast jeden Tag getan hatten.  Wir hoben Schützenlöcher aus, bauten Sprengfallen, legten Minen und marschierten bis wir Blasen an den Füßen hatten. Von den anderen Einheiten, die ebenfalls in der Kaserne beheimatet waren und die im „Weißen Päckchen“, also der weißen Marineuniform herumstolzierten, wurden wir nur „Spatenpaulis“ genannt. Sie belächelten uns, meinten wir seien nur zum Sandschippen am Strand geeignet. Irgendwie kam ich mir verarscht vor. Da hätte ich auch zum Heer gehen können. Es half aber nichts, da musste ich nun durch. Ich verpflichtete mich aber nicht wie ich das anfangs vorgehabt hatte auf eine längere Dienstzeit, sondern leistete nur meinen Grundwehrdienst ab.

Doch immer wenn ich mich in meinem Leben in irgendeiner Weise übervorteilt fühle, fällt mir das Lied der Landungsboote ein. Der Boote, die ich nie gesehen habe.

Verfolgung

Verfolgung

Die Reifen quietschten. Die Kurve war enger als gedacht. Kommissar Gruber saß am Steuer. Wachtmeister Korner auf dem Beifahrersitz. Er hielt Funkkontakt mit der Leitstelle. Sie waren zu einem Banküberfall beordert worden und verfolgten nun die Bankräuber. Zwei Mann in einem blauen Opel Meriva.

Auf der nächsten Geraden beschleunigte der Fluchtwagen. Gruber gab Gas, er holte auf. Auf der Beifahrerseite des Merivas erschien eine Pistole.

»Der schießt«, rief Gruber. Er zog den Wagen nach links. Das Projektil verfehlte den Wagen. Der Opel vor ihnen schleuderte, als er die nächste Kurve nahm. Die Hand mit der Pistole verschwand. Man hörte Fehlzündungen, graublauer Rauch stieg aus dem Auspuff des Fluchtwagens. Dies schien ihm Auftrieb zu geben. Er wurde schneller.

»Gib Gas!« Korner schlug mit der Sprechmuschel auf das Armaturenbrett. Er zog seine Dienstwaffe, betätigte den Fensterheber. Er schoss auf den Wagen vor ihnen. Dessen Rückscheibe zerbarst. Der Meriva wurde langsamer, nahm dann wieder Fahrt auf.

Gruber sah kurz zu seinem Kollegen. »Wo bleibt der Hubschrauber?«

Korner zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«

Die nächste Kurve. Der Meriva schleuderte, überschlug sich. Auf dem Acker neben der Straße blieb er auf dem Dach liegen. Gruber bremste. Beide Beamte liefen zu dem Unfallfahrzeug. Die Bankräuber lagen bewegungslos im Wagen.

»Ruf einen Rettungswagen.« Gruber schrie es. Korner trabte los. Wenige Sekunden später war er wieder da. »Sie kommen sofort«, sagte er.

Die Beamten zerrten die Verunglückten aus dem Wagen. Sie lebten.

Wintertraum

Schnee vom Himmel fällt ganz sacht

Weiß bedeckt sind Feld und Flur

Sternenklar die kalte Nacht

Winterlich nun die Natur

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Geh die Wege durch den Tann

Atme tief die klare Luft

Bin gezogen in den Bann

Tief betört vom Waldesduft

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Vor mir leuchtet hell ein Licht

Dringt herein vom Waldesrand

Häuser ferne in der Sicht

Wie gemalt von Künstlerhand

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In mir ist es gänzlich still

Frieden dringt in mich hinein

Ist so nah was ich nun will

Bald wird’s wieder Weihnacht sein

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© Rainer Güllich

Das Weihnachtsgeschenk

Pauls Eltern und Großeltern lebten mit seiner Tante und deren Mann unter einem Dach. Zu dieser Großfamilie gehörten noch sein gleichaltriger Cousin Emil und natürlich er selbst.

Sein Cousin und er wuchsen wie Brüder auf. Verstärkt wurde dieses Gefühl durch die Geburtstage der Kinder, wenn auch das ‚Nichtgeburtstagskind‘ das gleiche Geschenk von den Großeltern erhielt wie das Geburtstagskind. Dadurch sollten Tränen der Kinder und das Gefühl benachteiligt zu sein, vermieden werden. Dieses Ritual des Schenkens wurde auch an Ostern und Weihnachten durchgeführt. An Weihnachten jedoch wurden Unterschiede durch die Geschenke der Eltern deutlich. So bekamen Emil und Paul eines Heiligabends eine Eisenbahn geschenkt. Emils war von besserer Qualität als Pauls. So war es später auch bei dem Cowboyfort, bei dem Zündplättchengewehr und der Fotokamera. Emil sagte zwar nie etwas zu Paul, doch war zu erkennen, dass er sehr stolz war, qualitativ bessere Geschenke als dieser zu erhalten. Dieses Verhalten seines Cousins verletzte Paul sehr.

Er hätte sich gewünscht, seine Eltern hätten Emils Eltern wenigstens einmal mit einem Geschenk übertrumpft.

Und eines Tages schien es so, als sollte es ihnen gelingen.

Paul war zwölf Jahre alt, als ein Lehrer an seiner Schule Trompetenunterricht anbot. Er war Feuer und Flamme. Er wusste heute zwar nicht mehr, was ihn damals so begeisterte, doch war es jedenfalls Tatsache. Wenn man Trompete spielen will, benötigt man natürlich auch das entsprechende Musikinstrument. Um ein solches zu erhalten, bot sich in Pauls Fall nur Weihnachten an. Seine Eltern hätten ihm keine Trompete kaufen können, denn für so etwas stand kein Geld zur Verfügung. Aber als Weihnachtsgeschenk, bei dem sich auch die anderen Verwandten beteiligen könnten, würde es möglich sein. Also wünschte er sich eine Trompete zu Weihnachten. Seine Eltern versprachen ihm, diesen Wunsch zu erfüllen.

Bis er seine Trompete erhalten würde, stellte ihm die Schule ein altes, verbeultes Tenorhorn zur Verfügung, auf dem er so lange spielen konnte.

Paul begann, Weihnachten entgegenzufiebern. Drei Monate waren es noch bis dahin. Zweimal die Woche hatte er seinen Musikunterricht, sein Spiel wurde von Mal zu Mal besser und Weihnachten rückte immer näher. Da sagte ihm sein Cousin eines Morgens auf dem Schulweg, dass er sich zu Weihnachten eine Gitarre wünschen würde und auch Musikunterricht nehmen wolle. Pauls Herz stockte. Es war klar für ihn, dass sein Cousin die schönste, beste und teuerste Gitarre von seinen Eltern erhalten würde, die es auf der Welt gab. Pauls Trompete würde die schäbigste und billigste sein, die jemals jemand besessen hatte. Seine Vorfreude auf Weihnachten war dahin.

Doch dann war Weihnachten da.

Paul bekam seine Trompete. Sie war das beste und schönste Weihnachtsgeschenk, das er je bekommen hatte. Sie glänzte golden im Licht der Weihnachtsbaumkerzen, ihr metallischer Schimmer gab ihr etwas Edles. Kühl lag sie in seinen Händen und er blies zaghaft die ersten Töne und dann mutiger die erste Melodie. Es funktionierte, der Klang des Musikinstruments war sehr gut. Paul war glücklich.

Sein Cousin hatte seine Gitarre bekommen. Er stand mit offenem Mund neben Paul und klimperte hilflos auf seiner, zugegebenermaßen, beeindruckend gut aussehenden Gitarre herum. Paul wusste nicht, ob sein Cousin dachte, er könne auf Anhieb auf dem Instrument spielen, jedenfalls schaute er ziemlich ratlos drein.

Den ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag verbrachte Paul in freudiger Stimmung, spielte die Lieder, die er konnte, und übte auch einige Neue.

Sein Cousin hatte seine Gitarre in irgendeiner Ecke abgestellt, wo sie noch einige Tage stand. Dann sah Paul sie nie mehr wieder. Emil hat nie Gitarre spielen gelernt.

Paul hat weiter den Musikunterricht besucht, sein Trompetenspiel verbessert und … dieses Weihnachtsfest nie in seinem Leben vergessen.

Die Weihnachtsfichte

Lothar Bergmann trat aus dem Eingang des Bürogebäu­des, in dem er, seinem Gefühl nach, schon seit ewigen Zeiten arbeitete. Er war froh, diesen Arbeitstag beendet zu haben. Seine Kollegen und er hatten im Büro während der Vorweihnachtszeit immer sehr viel zu tun. Dies lag daran, dass ein Großteil von ihnen im Urlaub war.

Lothar hatte dieses Jahr in der Woche nach den Feiertagen Urlaub. Die Vorstellung, nach den Festtagen eine Woche frei zu haben, machte ihn glücklich. So konnte er Weihnach­ten, mit der Vorfreude auf ein paar freie Tage, entspannt genießen.

Er liebte diese Zeit. Diese Tage mit Lichterglanz in den Straßen, den geschmückten Geschäften und der Weih­nachtsmusik aus den Lautsprechern. Er liebte die Vorgärten mit ihren beleuchteten Rentieren, Nikoläusen und Krippen. Er liebte die Spaziergänge über den Adventsmarkt mit dem Geruch nach gebrannten Mandeln, dem Duft der Bratäpfel und dem Wohlgeruch der Duftkerzen.

Traditionell war er in der Familie für den Kauf des Tannen­baumes verantwortlich. Seine Frau war für das Festessen, die Dekorierung des Hauses mit diversen Engeln, Weih­nachtsmännern, Tannenzweigen und Schneemann-Fenster­bildern zuständig. Die Kinder sorgten für die Vorfreude auf Bescherung und Geschenke.

Heute war nun schon der 23. Dezember. Das hieß: Morgen war der letzte Arbeitstag. Bis mittags musste er durchhalten. Dann begann für ihn die schönste Zeit des Jahres. Was den Kauf des Baumes betraf, war er dieses Jahr später dran als die Jahre zuvor. Es war sozusagen fünf vor zwölf.

Er betrat den firmeneigenen Parkplatz, schloss seinen

Wagen auf, startete und fuhr los. Auf seinem Weg nach Hause würde er an der Gärtnerei Huber vorbeikommen und dort den Christbaum kaufen. Es sollte natürlich, wie jedes Jahr, der schönste und größte Baum sein, den die Fa­milie je hatte.

Bei der Gärtnerei angekommen, ging er die Paradereihe der Tannenbäume ab. Da gab es die Reihen der Fichten mit ihrem buschigen Wuchs, dünnen Zweigen und hellgrü­nen Nadeln, die Blaufichten mit dem bläulichen Schimmer im Nadelkleid und den kräftigen Ästen. Der Gruppe der Edeltannen schenkte er besondere Aufmerksamkeit. Ihm gefielen ihre dicken, nicht stechenden Nadeln, die Farbe der Bäume variierte von grün bis silbrig-grau. Die Nordmann­tannen ließ er außer Acht. Auch sie hatten zwar weiche, nicht stechende Nadeln, doch mochte er ihre dunkelgrün glänzende Farbe nicht.

Da er unter den anderen Bäumen keinen geeigneten gefun­den hatte, schritt er noch einmal die Reihen der Fichten ab. Ihm fiel ein Baum auf, der ihm vorher entgangen war. Die Fichte ging ihm mal gerade bis zur Brust. Die Zweige sahen etwas spärlich aus, waren sehr ungeordnet, auf einer Seite war sogar eine ziemliche Lücke im Geäst. Diese Tanne aber zog ihn merkwürdigerweise an, obwohl sie alles andere als ein Muster eines Weihnachtsbaums war. Sie stach aus den anderen Bäumen hervor. Warum, konnte Lothar Bergmann nicht sagen.

Er suchte jedes Jahr immer wieder aufs Neue nach dem vollkommenen Baum und hatte ihn nie gefunden.

Warum gefiel ihm nun diese Fichte? Sie war mit Sicherheit nicht vollkommen. Er selbst, Lothar Bergmann, war aber auch nicht vollkommen. Er war nicht groß gewachsen, seine linke Schulter ließ er immer herunterhängen, sein rechtes Bein war, bedingt durch einen Unfall, in seiner Beweglichkeit

eingeschränkt. Auch seine Frau hatte schon seit längerem ein Hüftleiden, sein jüngster Sohn litt an Dermatitis. Wenn er an seine Arbeitskollegen dachte, fiel ihm nicht einer ein, der nicht über irgendetwas jammerte. Wer war also schon vollkommen? Warum sollte er sich also einen vollkomme­nen Tannenbaum ins Wohnzimmer stellen?

Dieser Gedanke und der Baum gefielen ihm immer besser. Er ließ sich den Nadelbaum in ein Netz packen und fuhr nach Hause. Wie würde Helene und seinen Kindern der Baum gefallen? Hoffentlich konnte er ihnen deutlich ma­chen, was ihn veranlasst hatte, gerade diese Tanne zu neh­men. Als er den Baum auf die Terrasse verfrachtet, ihn aus dem Netz gezogen und seine Familie zur Begutachtung her­beigeholt hatte, erlebte er eine Überraschung. Seine Kinder lächelten, als sie den Baum sahen und seine Frau meinte erfreut: „Lothar, endlich schleppst du uns nicht einen dei­ner Protz-Christbäume an, sondern einen ganz normalen Baum. Das freut mich.“

Am Heiligen Abend, als die Fichte geschmückt im Wohn­zimmer stand, meinte Lothar, dass die Wachskerzen am Weihnachtsbaum heller leuchteten als in all den Jahren zuvor. Der Baum selbst strahlte, verbreitete Wärme und Besinnlichkeit.

Begegnung im Advent



Paul Heister ging langsamen Schrittes die Straße entlang. Viele kleine Schneeflocken fielen vom Himmel. Sein Rücken war gebeugt, er ließ seine Schultern hängen. Oh du fröhliche, oh du selige  … klang es in seinen Ohren. Er kam gerade aus dem Discounter. Hier kaufte er regelmäßig ein. Mit seiner kleinen Rente konnte er keine großen Sprünge machen, so kam ihm das Angebot des Billig-Anbieters sehr zupass. Die Weihnachtsmusik, die dort seit einigen Tagen gespielt wurde, lies ihn wehmütig an Vergangenes denken.
Dumm war, dass der Einkaufsmarkt in der Innenstadt lag. Paul wohnte in einem der Randbezirke, er musste um einzukaufen den Linienbus nehmen. War zeitaufwendig.
Er strich eine Strähne seines weißen Haares aus der Stirn und fuhr sich mit der rechten Hand über sein, von tiefen Falten, gefurchtes Gesicht.
Als er um die Ecke, in die nächste Straße, einbog, sah er vor sich die Bushaltestelle. Hier stieg er immer in den Bus nach Hause ein. Er konnte zwar eine Haltestelle früher einsteigen, an dieser war jedoch keine Sitzgelegenheit. Hier konnte er in Ruhe auf den Bus warten. Die Busse fuhren nur jede halbe Stunde, da war es angenehm, wenn er sitzend warten konnte. Er war fünfundsiebzig Jahre alt, wenn er lange stehen musste, schmerzten seine Beine zu sehr.
Im Frühjahr und Sommer, wenn schönes Wetter war, ließ er den ankommenden Bus auch einfach weiterfahren und wartete auf den ­nächsten. Es war angenehm hier zu sitzen und die Leute, die geschäftig die Straße hinauf und herunter gingen, zu beobachten.
Er malte sich aus, was den ein oder anderen wohl beschäftigte, ob die Frau in dem blauen Kleid nach Hause musste, um ihrem heimkehrenden Mann das Essen zu bereiten, oder ob sie eiligst in den Kinderhort musste, um ihr kleinstes Kind dort abzuholen. Der Mann in dem dunklen Anzug konnte ein Bankangestellter sein, der aus der Mittagspause an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte, oder ein Vertreter, der gerade ein gutes Geschäft abgeschlossen hatte.
So vertrieb er sich die Zeit.
Seit fünf Jahren lebte Paul Heister allein in der kleinen Mietwohnung, die er vorher zusammen mit seiner Frau bewohnt hatte. Sie war vor fünf Jahren an einer Krebserkrankung gestorben. Sie hatte sehr gelitten. Eine Zeit, an die er nicht gerne dachte.
Es fiel ihm anfangs schwer, sein Leben allein zu bestreiten. Ihm war vor dem Tod seiner Frau nicht klar gewesen, wie sehr sie sich eigentlich ergänzt hatten. Nun musste er ihren Part mit übernehmen. Es war ihm gelungen, doch hatte es seine Zeit gebraucht. Manchmal fühlte er sich jedoch sehr einsam. Gerade zu Weihnachten empfand er dieses Gefühl sehr stark. Seine Frau hatte diese Zeit des Jahres sehr geliebt und er vermisste sie dadurch gerade in der dunklen Winterzeit sehr.


Er war an der Haltestelle angekommen. Sie war überdacht, man konnte auch jetzt im Winter auf der installierten Sitzbank Platz nehmen. Eine junge Frau saß mit zwei Kindern zusammen auf der Bank, einem ungefähr achtjährigen Mädchen und einem kleineren Jungen. Der mochte ungefähr sechs Jahre alt sein.
Paul stellte seine Plastiktüte auf die Bank und machte Anstalten sich hinzusetzen, als die junge Frau den Jungen ansprach: „Mach mal ein bisschen Platz, damit sich der Herr hinsetzen kann. Du brauchst dich nicht so breitmachen.“
Der Junge rutschte etwas zur Seite und Paul nahm Platz. Der Junge schaute zu ihm auf. Er hatte braune Augen, ein pausbäckiges Gesicht und eine kleine Nase. Seine dunkelblonden Haare fielen ihm unter seiner Pudelmütze in die Stirn.
„Warst du einkaufen?“, fragte der Junge. „Hast du was Süßes für mich?“
„Jetzt stör mal den Herrn nicht“, mischte sich die Frau ein und an Paul Heister gewandt sagte sie: „Mein Sohn ist leider etwas vorwitzig. Ich hoffe Sie nehmen es nicht übel?“
„Nein, das ist für mich kein Problem.“ Er schaute die Frau an. Sie hatte ihr dunkles Haar zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden, trug eine Hornbrille, die ihr ein strenges Aussehen verlieh. Auf den ersten Blick hatte er sie für älter gehalten.
Sich zu dem Jungen neigend meinte er: „Ich will mal in meiner Tasche kucken, ob da was Süßes drin ist. Wir ­müssen deiner Schwester aber auch was abgeben. Es ist doch deine Schwester?“
„Jaaa, schon. Aber ­die ­brauch nix Süßes. Die will nämlich immer bestimmen.“
Er schaute seine Schwester grimmig an.
„Kein Grund ihr nichts abzugeben“, lachte Paul Heister. „Wie heißt ihr beide denn?“
Jetzt meldete sich das Mädchen zu Wort. Sie hatte dunkelblondes, schulterlanges Haar, hellgrüne Augen. Am Kinn hatte sie eine halbmondförmige Narbe.
„Ich heiße Janina und mein Bruder heißt Max. Wir nennen ihn aber Mäxchen.“


Paul hatte während des Gesprächs in seiner Tasche gekramt und hatte einen Schokoladen – Nikolaus herausgeholt. Er aß für sein Leben gern Schokolade. Eine Tafel in der Woche gönnte er sich. In der Weihnachtszeit nahm er  statt einer Tafel Schokolade immer einen Nikolaus. Schon als Kind hatte er diese Figuren geliebt. Leider hatte er nie einen bekommen. Das Einkommen seines Vaters hatte nicht ausgereicht um Paul und seinen Geschwistern solch eine Kostbarkeit zukommen zu lassen.

Er konnte sich ja einen ­neuen holen oder die Woche mal auf Schokolade verzichten, dachte er.
Den Schokoladen – Nikolaus hochhaltend und den Blick auf die Frau gerichtet sagte er: „Ich darf doch …?“
Die Frau nickte. Paul brach die Figur vorsichtig in der Mitte durch und gab jedem der beiden

Kinder eine Hälfte.

Zu den Kindern gewandt sagte er: „Lasst euch die Schokolade schmecken. Aber versprecht mir eines … versucht euch zu vertragen.“
Max schaute schon etwas friedlicher drein.

„Na ja“, sagte er, „versuchen geht ja. Ich versprech’s.“
Janina sagte: „Wir vertragen uns doch soundso immer wieder. Er ist doch mein Bruder.“
Paul sah ihr in die Augen.
„Ich verstehe, Janina. Das ist schön.“
Der Bus kam. Die Linie 7. Nicht seine Linie.
Die Frau stand auf. „Los komm Kinder. Unser Bus.“ Und zu Paul gewandt sagte sie: „Vielen Dank für die Schokolade. Auf Wiedersehen.“
Die beiden Kinder verschwanden im Bus.
„Machs gut, Opa!“ riefen sie und winkten Paul Heister zu. Paul lächelte erfreut.

Ein Woche später, bei seinem nächsten  Einkauf, er gab sich gezwungenermaßen gerade den Klängen von White Christmas hin, die aus den Lautsprechern klangen, zupfte ihn jemand von hinten an einem Mantelzipfel. Er drehte sich herum … es war Mäxchen.

„Hallo Opa. Wir sind auch hier. Einkaufen. Kaufst du dir wieder einen Nikolaus?“

Paul Heister lächelte. „Möchtest du denn einen?“

„Nein, nein, lassen Sie mal. Ich kann ihm selbst einen kaufen. Herr … äh …“ Die Mutter von Mäxchen trat auf die beiden zu.

„Heister. Paul Heister.“

„Ich bin Helene Morgen. Wir sind erst vor kurzem hierher gezogen. Freut mich sehr, Herr Heister.“ Sie reichte Paul die Hand.

„Äh … ich muss Ihnen das sagen. Sie haben meinen Kindern mit ihrem Nikolaus eine echte Freude gemacht. Sie haben die ganze Woche immer wieder von Ihnen geredet. Wissen Sie, ich bin alleinerziehend. Meine Eltern sind schon beide verstorben. Mein Mann und ich sind geschieden, zu meinen Schwiegereltern habe ich keinen Kontakt mehr und meine Beiden hier … nun ja … sie leiden schon darunter, dass wir keine große Familie sind.

Ach, wissen Sie was. Haben Sie nicht Lust uns am Sonntag, am 3. Advent, zu besuchen? Ich backe ein paar Weihnachtsplätzchen und Sie kommen zum Kaffee. Bringen Sie Ihre Frau mit. Sie sind doch verheiratet? Was meinen Sie?“

„Oh, gerne. Ich komme Sie gerne besuchen. Meine Frau ist leider verstorben. Kinder habe ich keine … also auch keine Enkel.“

Als später dann Paul Heisters Bus kam, stieg er, mit geradem Rücken und gestrafften Schultern, ein. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen.

© R. Güllich

Die Warnung

Keiner wusste zu sagen, wo er plötzlich hergekommen war. Auf einmal saß er da. Das Gesicht war weiß geschminkt mit blutrotem Mund, dunkel umrandeten Augen und einer hellblauen Träne unter dem rechten Auge. Ein trauriger Clown.

Er passte aber in die Gesellschaft. Maskenball war angesagt an Bord. Das Luxusschiff war seit einigen Tagen auf See, um keine Langeweile aufkommen zu lassen, musste man den Passagieren etwas bieten.

Die See war unruhig, die Schiffsmotoren liefen volle Kraft, der Bug des Schiffes durchschnitt die Wellen.

Rechtsanwalt Cordes, Direktor Momberg und deren Ehefrauen, die am Tisch saßen, sahen sich erstaunt an. Doch bevor einer von ihnen etwas sagen konnte, sprach der Fremde. „Guten Abend, ich sehe, Sie sind überrascht, dass ich aus heiterem Himmel erscheine und ungefragt hier Platz nehme. Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel. Es ist wichtig, dass ich mit Ihnen rede, ich hoffe, Sie schenken mir Gehör.“

Frau Momberg, eine resolute Dame um die sechzig, fasste sich als Erstes. „Guter Mann, mich haben Sie jedenfalls durch Ihren überraschenden Auftritt neugierig gemacht. Ich denke, meinem Gatten wird es ähnlich gehen. So ist es doch, Robert?“

Der Angesprochene drehte seinen Kopf zur Seite und sah seine Frau an. „Du hast natürlich recht, Liebes.“ Sich dem Geschminkten zuwendend, fuhr er fort: “Sagen Sie was Sie zu sagen haben. Vorausgesetzt unsere Freunde sind einverstanden.“

Rechtsanwalt Cordes und seine Frau nickten zustimmend.

„Noch eines.“ Direktor Momberg hob warnend einen Finger. „Ich hoffe, dass Ihr Erscheinen nichts mit dem Maskenball zu tun hat und Sie uns irgendeinen Spaß verderben wollen.“

Der als Clown Verkleidete schüttelte den Kopf. „Mein Auftritt hat mit dem Bordfest nichts zu tun. Es gibt auch keine Verbindung zur Reederei oder zu sonst wem hier an Bord. Ich habe lang überlegt, ob ich überhaupt in Erscheinung treten, oder dem Schicksal seinen Lauf lassen soll. Doch ich habe mich entschieden, in Ihr Geschick einzugreifen.“

Cordes setzte an, um etwas zu sagen, doch Direktor Momberg bedeutete ihm mit einem Wink, zu schweigen.

Der Clown lächelte. „Herr Cordes, Sie haben vielen Unschuldigen zu ihrem Recht verholfen und das meist unentgeltlich. Herr Direktor Momberg hat oft auf eigenes Risiko viele Schuldner seiner Bank unterstützt. Solches Verhalten ist in den heutigen Zeiten selten zu finden und sollte meiner Meinung nach belohnt werden. Ich möchte Sie retten.“

„Retten!? Wovor retten?“ Frau Momberg erhob sich von ihrem Stuhl, setzte sich aber gleich wieder.

Der Clown lächelte sanft. „Dieses Schiff ist ein Unglücksschiff. Es fährt seinem Untergang entgegen. In weniger als zwei Stunden wird es vom Meer verschwunden sein. Das ist es, was ich Ihnen sagen will. Es liegt an Ihnen, was Sie mit dieser Information machen. Vielleicht können Sie den Kapitän überreden, den Kurs zu ändern oder die Geschwindigkeit zu drosseln. Denn das würde genügen, das Schicksal des Schiffes und aller Menschen an Bord zum Guten zu wenden. Mehr kann ich nicht sagen und nicht tun.“ Damit erhob sich der Mann im Clownskostüm und verschwand so plötzlich, wie er erschienen war im Niedergang zum Unterdeck des Schiffes.

Am Tisch herrschte sekundenlang Schweigen, das von dem Rechtsanwalt gebrochen wurde. „Was war denn das? Eine Halluzination oder ein Verrückter? Sie haben doch auch gehört, was er gesagt hat.“

Direktor Momberg nickte. „Natürlich. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ist es ein dummer Witz, doch ein Arrangement des Kapitäns, so als skurrile Einlage zum Bordfest. Oder war das einfach nur eine absonderliche Person?“

Clara Cordes, die sich noch nicht geäußert hatte, sagte mit verkniffenem Gesicht, das ihr Mann so gut von ihr kannte: „Ich denke, dass wir es hier mit einem Menschen zu tun hatten, der sich einen Schabernack leisten wollte. Ich mag es nicht, wenn man mit mir solche Scherze treibt. Wir sollten jedenfalls kein Aufhebens davon machen. Man würde nur über uns und unsere Leichtgläubigkeit lachen.“

Ihr Ehemann zögerte kurz, dann meinte er: „Ich bin deiner Meinung, mein Schatz. Wir werden uns nicht echauffieren und werden schweigen. Ich nehme an, Ihnen ist dies genehm so.“ Mit den letzten Worten hatte er sich an Direktor Momberg und seine Frau gewandt.

Das Ehepaar war ebenfalls der Meinung, dass man einem Phantasten aufgesessen war und die Sache vergessen sollte.

Man schwieg und ließ sich von einem Steward die Mäntel aus der Kabine bringen, denn es war kälter geworden.

Neunzig Minuten später kollidierte das Schiff  mit dem Eisberg, der dessen Untergang verursachte. Der Namen des Schiffes ging am nächsten Tag um alle Welt: Titanic.

Die Schranke

Es ging nur schleppend voran. Die Schlange von Menschen vor ihm war kaum zu übersehen, es dauerte ewig lang, bis sich die Grenzschranke öffnete.

»Was ist da los?« Paul war ungeduldig.

Der vor ihm stehende Mann drehte sich zu ihm herum und sagte: »Die Leute zögern, als ob eine Gefahr hinter der Schranke lauern würde.«

»Welche Gefahr?«

»Ich weiß es nicht. Aber ich bin verunsichert.« Seine Augen flackerten. »Wenn ich es mir recht überlege, muss ich heute nicht rüber. Ich komme morgen wieder.« Mit diesen Worten verließ er die Reihe der Wartenden und verschwand am Ende der Schlange.

Paul wurde flau im Magen. Das kannte er. So ging es ihm immer, wenn er vor Neuem stand. Aber das jetzt war etwas anderes. Er musste das klären.

»Darf ich mal durch? Ich muss was mit dem Grenzbeamten regeln.«

Widerwillig, doch auch mit einer gewissen Bereitschaft ließen ihn die Leute vorbei. Nach kurzer Zeit war er an der Schranke. Einer der Grenzbeamten, der sein Pistolenhalfter demonstrativ im Gürtel nach vorne geschoben hatte, fragte ihn: »Was wollen Sie? Sie haben sich vorgedrängt.«

»Ja, ich will wissen, was los ist. Warum geht es so langsam?«

»Es gibt das Gerücht eines Bombenanschlags für den heutigen Markt. Und schon geht es nicht weiter, es stockt alles.«

»Und wieso ist der Markt nicht geschlossen?«

»Wir nehmen das Gerücht nicht ernst. Es gab zu viele Warnungen in der letzten Zeit. Wollen Sie auf den Markt?«

Paul nickte. »Natürlich. Ich gehe immer auf den Markt. Es ist alles preiswerter als bei uns drüben.

»Sie können gern passieren.« Der Grenzer öffnete die Schranke. Der Weg war frei.

Paul schloss kurz die Augen. »Nein. Ich komme morgen wieder.«

Der Beamte lachte.

Gebete

Etwas blitzte in der Sonne. Es waren die Waffen der Feinde. Der Heerwurm, der eine Säule aus Staub hinter sich herzog, kam immer näher.

Kath, der als Beobachtungsposten einen der riesigen Steinhügel erklommen hatte, konnte aus der anfangs nur als dunkle Masse erkennbaren Menschenschlange nun einzelne Gestalten erkennen.

Also hatten die Gebete, die der Stamm gestern den ganzen Tag gen Himmel geschickt hatte, keine Wirkung gezeigt. Die Erzfeinde kamen Kaths Heimatdorf immer näher.

Das feindliche Heer war durch einen heimischen Jagdtrupp vor einigen Tagen zufällig entdeckt worden. Als er Kunde davon brachte, waren einige ängstliche Naturen in Angstschreie ausgebrochen. Ehud, dem Priester, war es gelungen, die aufbrandende Panik zu beenden.

„Unsere Feinde sind zwar in der Überzahl“, hatte er mit seiner ruhigen Stimme, die sich wie Balsam auf die Sinne legte, gesagt, „doch sind sie ein gottloses Volk, das an keine höhere Macht glaubt. Das wird ihm zum Verhängnis werden, denn Gott ist auf unserer Seite. Wir leben in seiner Gnade. Er hat unsere Opfergaben immer angenommen, die guten Ernten in diesem Jahr beweisen es. Er wird uns auch gegen unsere Feinde helfen.“

Ja, es stimmte. Üppig waren die Bohnenernte, die Weizenernte und die Kartoffelernte ausgefallen. Die Jagdtrupps waren immer auf Wild gestoßen, die Lager des Stammes waren voll des gesalzenen Fleisches. Ihr Volk konnte ohne Sorge den Winter erwarten. Kath nickte, so als wolle er damit seine Gedanken untermauern.

Dann hatte Ehud zum gemeinsamen Gebet aufgerufen. Der gesamte Stamm, Frauen, Männer, Alte, Gebrechliche und Kinder hatten sich auf dem Dorfplatz versammelt, die Hände zum Himmel erhoben und Ehuds Gebet nachgesprochen. Es waren nur wenige Worte, die jedoch den ganzen Tag wiederholt wurden.

„Herr, vernichte unsere Feinde und gib uns ewigen Frieden.“

Am Abend, als die Sonne hinter den Hügeln versunken war, gab Ehud das Zeichen zum Beenden der Gebete. Kath hatten die Kiefermuskeln geschmerzt, sein Mund war trocken gewesen und er hatte als Erstes seinen brennenden Durst gestillt.

Und nun saß er als Beobachtungsposten auf dem höchsten Hügel in der Umgegend. Mit einem Spiegel sollte er die Strahlen der Sonne einfangen und so ein Zeichen ins Dorf senden, falls die Feinde sich nähern sollten. Es war an der Zeit. Er nestelte an seiner Leinentasche, die er bei sich trug, und holte die Spiegelscherbe hervor. Doch zu spät. Die Sonne, die ihm eben noch den Rücken gewärmt hatte, war verschwunden. Erstaunt schaute Kath zum Firmament. Dunkle Wolken waren aufgezogen. Sie begannen sich zusammenzuziehen und bedeckten in Kürze den gesamten Himmelskreis. Blitze zuckten auf und urplötzlich prasselten dicke Regentropfen zur Erde. In Sekundenschnelle war er nass bis auf die Haut. Der Regen fiel so dicht, dass er in der Ferne kaum noch sein Dorf ausmachen konnte. Auch die Feinde, in der entgegengesetzten Richtung waren nicht mehr zu erkennen. Mittlerweile goss der Himmel das Wasser wie aus Zubern aus.

Das Wasser am Fuß des Hügels stieg immer höher an. Die Fluten waren nicht mehr zu bändigen. Aus Richtung der Feinde hörte Kath verzweifelte Schreie. Die Wassermassen schwemmten den Heerwurm vor sich her. Er sah die Menschenkörper unter sich im Wasser verschwinden, sah, wie sie an den Felsen zerschmettert wurden. Das Wasser trieb sie in seine Richtung. Er lachte. Gott hatte seinen Stamm also doch nicht verlassen. Wie im Gebet gefordert wurden die Feinde vernichtet.

Doch dann erstarb sein Lachen. Die Wassermassen fluteten in Richtung seines Dorfes. Er konnte erkennen, wie die ersten Wogen die Hütten am Rand des Dorfes erreichten. Sie schwemmten sie hinweg, als seien sie aus Stroh. Die dunklen kleinen Punkte, die er im Wasser erkennen konnte, waren seine Stammesangehörigen, die um ihr Leben kämpften.

Irgendwann ließ der Regen nach. Kath wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Als der Regen ganz aufgehört hatte, konnte er von seinem Dorf nichts, aber auch gar nichts sehen. Es war verschwunden. So wie das Wasser und die Feinde verschwunden waren. Wie im tiefsten Frieden lag die Landschaft vor ihm.

Gott hatte das Gebet seines Stammes erhört. „… und gib uns ewigen Frieden.“

Kath weinte.

Die Sensation

Ich saß mit meinen Kollegen im Orchestergraben, das Stimmen der Instrumente war beendet und wir warteten auf den Einsatz unseres Dirigenten. Der wiederum wartete auf das Verstummen des Publikums.

Ich schaute entspannt zu ihm hin, da meine Einlage mit der Tuba erst spät im Konzert nötig war. Er hatte den Taktstock erhoben, die Jacke seines Fracks hatte sich entsprechend gehoben und mein Blick fiel auf den weißen Hemdzipfel, der aus seinem Hosenladen schaute. Ich spürte, wie es mir weit hinten im Hals kitzelte, doch gelang es mir, das aufkeimende Lachen zu ersticken. Im Publikum war mittlerweile Ruhe eingekehrt. Unser Maestro klopfte leicht mit dem Taktstock auf den Notenständer. Er hob ihn und mit dem Senken seines Armes ertönten die Geigen, auch die Celli setzten ein. Mit dem rhythmischen Schwingen des Dirigentenstabes schwang auch der Hemdzipfel mit. Wieder dieses Kitzeln im Hals, und wieder konnte ich es unterdrücken. Dann kam mein Einsatz. Der Taktstock deutete auf mich, ebenso hatte sich der Hemdzipfel auf mich gerichtet. Ich presste das Mundstück der Tuba fest an meine Lippen, doch konnte ich das Prickeln in meinem Rachen nicht unterdrücken und presste mein Lachen in das Instrument hinein. Es gab einen erbarmungswürdigen Ton, ich musste noch mehr lachen und weitere desolate Töne entwichen der Tuba. Geigen und Celli verstummten, der Maestro hatte den Taktstock gesenkt und schaute mit offenem Mund zu mir. Ich ließ noch einige jammervolle Töne folgen, dann hatte ich mein Lachen im Griff und war still. Im Saal herrschte Schweigen … dann ertönte donnernder Applaus, der nicht abebben wollte. Hochrufe folgten, das Publikum erhob sich und klatschte minutenlang weiter. Ich nahm die Tuba vom Mund und verbeugte mich tief. Dann konnte das Konzert beginnen.

Seit diesem Tag war mein Name auch einem breiten Publikum bekannt.